Freitag, 17. Mai 2019

Pure Emotionen: Leseprobe zur Neuerscheinung TOTENBETT

Pure Emotionen: Leseprobe zur Neuerscheinung TOTENBETT: Hier geht es zum Buch: Totenbett Vor fünf Jahren - wie alles begann Svetlana Das Blut war nicht zu sehen, denn die Leiche war zugedeckt, ...

Leseprobe zur Neuerscheinung TOTENBETT

Hier geht es zum Buch: Totenbett


Vor fünf Jahren - wie alles begann

Svetlana

Das Blut war nicht zu sehen, denn die Leiche war zugedeckt, als würde sie friedlich schlafen. Nur die schwarzen, langen Haare schauten unter der Bettdecke hervor und sogar in dieser Situation wirkten sie noch verführerisch. Nichts ließ im Geringsten erahnen, wie grausam der Körper der Toten zugerichtet war.
Das Schlafzimmer, in dem sie lag, war aus Holz gezimmert, genauso wie die übrige Hütte, die so romantisch vor einem See lag, dass sie auf eine Postkarte gedruckt hätte werden können. Das Bett neben der Toten, war leer. Doch noch nicht lange. Würde jemand mit der Hand über das Laken streichen, so wäre es vielleicht sogar noch warm.
Die Tote hieß Svetlana Baranski. Wieso sie hier lag, in diesem Haus und offenbar ermordet wurde, das war die große Frage. Doch im Moment fragte sich das noch niemand, denn keiner wusste, dass sie tot war. Vermutlich ahnte sogar niemand, dass sie hier war. Denn zu Peter Beck, ihrem Verlobten, hatte sie ganz was anderes gesagt. Sie hatte gelogen und wieder war die Frage, wieso?
Der Mann, der gerade von einer kurzen Joggingrunde zurückkehrte, verschwitzt und verwirrt war, den sein Gewissen plagte, wischte sich die Haare vom Gesicht und öffnete dann die Tür zum Schlafzimmer. Er musste nach dieser Nacht unbedingt raus, doch lange hielt er nicht durch, das schlechte Gewissen trieb ihn zurück in das Haus, das er nur allzu gut kannte. Denn es war sein eigenes Ferienhaus, das er oft mit seiner Familie aufsuchte um zu entspannen und dem Alltag zu entfliehen.
Der Mann, dessen Name Anton Beck war, wusste, sie lag darin und ein Schauer fuhr ihm durch den ganzen Körper, als er ihre Haare sah, die ihm offenbarten, dass sie wirklich noch im Bett lag. Es war kein Alptraum, es war alles real gewesen in der Nacht. Ausgerechnet sie, dachte er sich!
Langsam schlich er sich an sie heran, er hatte Angst, denn das, was er getan hatte, war unverzeihlich. Obwohl es all seine Prinzipien sprengte, hatte er sich auf sie eingelassen. Sein Herz pochte ihm bis zum Hals, als er um das Bett herumging und sie wecken wollte. Behutsam setzte er sich ans Fußende des Bettes und legte seine Hand auf ihre Oberschenkel, die von der dicken Bettdecke gewärmt wurden. Nicht nur er hatte einen Fehler begangen, auch sie. Svetlana war eine Lügnerin, eine Betrügerin und dennoch hatte er mit ihr geschlafen, nicht nur einmal. Nachdenklich schaute Anton aus dem Fenster, das die gesamte Front des Zimmers einnahm und blickte auf den See, der ruhig und eiskalt im Nebel vor ihm lag. Bevor er sie weckte, gönnte er sich noch einen winzigen Moment Ruhe, denn danach würde die Hölle über ihn hereinbrechen. Die Bilder der vergangenen Nacht schossen ihm wie Blitze durch den Kopf.
Blitz - Als er vor gefühlt einer Ewigkeit, in Wirklichkeit waren es keine zwölf Stunden, die Autotür öffnete und sie sich herunter bückte, um ihn zu begrüßen. Sie riss die Augen auf, er war irritiert, denn er erkannte sie erst auf den zweiten Blick. Sein Herz pochte, als sie einstieg, denn er wusste nicht, was er tun sollte. Das Logischste wäre gewesen, sie darauf anzusprechen, was sie hier tat. Doch natürlich wusste er es, er hatte nur nicht mit ihr gerechnet. Mit einer anderen Frau ja, aber nicht mit Svetlana Baranski, die einen Tag zuvor noch mit ihm einen Kaffee getrunken hatte, in der Wohnung seines Sohnes.
Anton Beck drehte sich ein wenig, um Svetlana betrachten zu können. Ihre dunklen, dichten Haare fielen ihr übers Gesicht, sie schien tief und fest zu schlafen. Verflucht, was sollte er tun? Einfach abhauen, ging es ihm durch den Kopf. Aber das wäre feige und das konnte er nicht tun. Eine Aussprache und Absprache mussten her. Aber er brachte es nicht über sich, sie zu wecken, denn er hatte vor dem Gespräch mit der Verlobten seines Sohnes, die er einen Abend zuvor hemmungslos gefickt hatte. Mehrfach, und wenn er daran dachte, wünschte er sich, er könnte es noch einmal tun. Tief in sie eindringen, die Leidenschaft spüren, ihren Körper riechen und schmecken. So wie er es die Nacht über getan hatte, immer wieder, bis sie eingeschlafen waren und er so glücklich, wie seit Jahren nicht mehr gewesen war.
Aber all das Warten auf das vermeintliche Gespräch brachten ihm nichts, also nahm er all seinen Mut zusammen, stand auf und berührte sie sanft, dann etwas energischer, an der Schulter.
„Svetlana!“, flüsterte er und streichelte sie zärtlich an der Wange. Erschrocken zog er seine Hand wieder zurück, denn das Gesicht von Svetlana war ungewöhnlich kühl. Seine keuchenden Atemzüge durchschnitten die Stille, als Anton an ihr rüttelte.
„Svetlana!“ Wieder nur ein Flüstern, denn er traute sich nicht, ihren Namen laut auszusprechen.
Zögerlich zog er die Bettdecke nach hinten und ihr nackter Oberkörper kam zum Vorschein. Doch das, was er nun sah, ließ ihm den Atem stocken. Das ganze Bett war rot durchtränkt. So viel Blut hatte er noch nie gesehen. Er riss die Bettdecke beiseite, stolperte nach hinten, bis er die Wand berührte, weiter konnte er nicht fliehen. Was in Gottes Namen war hier geschehen?, fragte er sich, doch er konnte keinen rationalen Gedanken fassen. Minutenlang blickte er auf die leblose Svetlana, die in ihrem eigenen Blut lag, und durch Dutzende Messerstiche in Bauch und Brust getötet worden sein musste.
Fassungslos starrte er auf seine zitternden Hände und begriff nicht, was um ihn herum geschehen war. Nach endlosen Minuten stand er langsam wieder auf, immer noch an die Wand gelehnt, wandte er den Blick kaum vom Bett ab. Die Szene erinnerte ihn an einen Horrorfilm, eine nackte, wunderschöne Tote, umhüllt von weißen Laken, blutbeschmiert und er mittendrin.
Erst jetzt kam ihm der Gedanke, dass der Mörder noch hier sein könnte, dennoch verspürte er keine Angst. Nicht deswegen, aber wegen Svetlana. Sein Körper fühlte sich wie nach einem Autounfall, er wusste nicht, was er machen sollte. War völlig hilflos. Sein Blick ging zu seiner Armbanduhr, die ihm seine Frau gestern zum gemeinsamen Hochzeitstag geschenkt hatte. Dann schluckte er schwer, denn sein Leben wäre nun vorbei. Er musste die Polizei anrufen, musste seiner Frau und seinem Sohn erklären, was hier vorgefallen war. Doch wie sollte er Zusammenhänge erklären, die er selber noch nicht zusammenfügen konnte? Nervös ging er vor dem Bett auf und ab. Sein Blick streifte das Fenster, in das jeder Wanderer blicken konnte. Hastig zog er die Gardinen zu.
Für ihn und seine Frau war es immer ein kleiner Kick gewesen, wenn Wanderer einige hundert Meter entfernt vorbeigingen und herüberblickten, während sie beide nackt im schützenden Bett lagen. Heute sah das alles ganz anders aus. Es war zehn Uhr vormittags, ein Samstag. Da er schätzungsweise nur etwa eine viertel Stunde joggen war, hatte er demnach kurz vor neun Uhr das Haus verlassen. Als er aufgestanden war, lag sie bereits genauso da, wie jetzt. Folglich musste es passiert sein, während sie geschlafen hatten. Aber wie konnte das sein? Nein, das war unmöglich, dachte er sich.
Dann erinnerte er sich an das Kokain, das Svetlana dabei hatte. Es hatte ihn in eine Welt aus Sex und Leichtigkeit katapultiert und er hatte die Stunden wie in Watte gepackt genossen. Danach war er weggedämmert. Er erinnerte sich noch daran, ihre Haut gespürt zu haben. Ab dem Moment wusste er nichts mehr. Als er aufgewacht war, fühlte er sich total gerädert und geplagt von einem schlechten Gewissen, das er nie wieder loswerden würde, da war er sich sicher.
Jedenfalls wäre das ein geringes Problem gewesen, gegenüber diesem Fiasko. Anton stand so unter Schock, dass er die Tote, seine zukünftige Schwiegertochter, total ausblendete und nur noch an seine eigene Haut dachte. Er musste hier unbeschadet herauskommen. Wenn seine Frau und sein Sohn davon erfuhren, wäre alles aus. Paula würde ihn verlassen, sein Sohn Peter ihn verachten und er würde seine Tochter Katharina, die Nachzüglerin nie wieder sehen. Denn er kannte Paula nur zu gut, sie war eine Hexe, wenn sie verletzt wurde. Eine gottverdammte Bitch und dafür liebte er sie eigentlich. Doch das, was er letzte Nacht getan hatte, würde sie ihm nie verzeihen. Er hatte mit seiner eigenen Schwiegertochter geschlafen, das könnte keine Frau ausblenden. Es war das Allerletzte und würde nicht nur seine Frau zerstören. Alle paar Sekunden wischte er sich mit dem Handrücken die Schweißtropfen von der Stirn. Sein Handy hielt er fest in der Hand, denn er musste endlich die Polizei rufen. Doch er tat es nicht. Nicht jetzt und auch nicht eine Stunde später. Er tat es nie.
Denn er legte sein Telefon beiseite und traf eine folgenschwere Entscheidung.
Stunden später setzte er sich in sein Auto, schloss einen Moment die Augen und startete dann den Motor, um sich auf den Weg zu seiner Familie zu machen.

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Mittwoch, 9. Januar 2019

Neue Leseprobe zu "Das Narbenmädchen"

2018: verlorene Jahre

Tanja

Jeden Tag ein Kreuz auf ihrem Körper. Eins heller und tiefer, eins größer und eins kleiner. Für jeden Tag ohne sie. Für jeden Tag Schuld. Für jeden Tag Reue. Sie waren wunderschön, fand jedenfalls Tanja. Doch ihre Eltern hassten sie dafür, nicht nur für das, auch dafür, dass sie damals aufgegeben hatte. Tanja spürte es, immer, deshalb war sie auch aus dem gottlosen Dorf ihrer Kindheit weggezogen. Jeden Scheißtag nahm sie den Zirkel ihrer kleinen Schwester, hielt ihn in der Hand und betrachtete ihn lange, bevor sie mit dem Zeigefinger über die Spitze fuhr. Dieser Zirkel bedeutete Tanja alles, denn er gehörte ihrer Schwester. Aber sie war weg und hielt immer noch durch, irgendwo in der Nähe ihres Zuhauses. Tanja hatte nicht durchgehalten, jedenfalls nicht so lange wie ihre kleine Schwester. Deshalb war diese noch immer weg und Tanja fristete ein Dasein auf der Straße. Sie irrte umher, mal in Rom, mal in Mailand, mal in Florenz. Immer auf der Flucht vor ihren Dämonen, die ihr zuriefen, welch ein schlechter Mensch sie doch war. Sie glaubte es, denn es war die verdammte Wahrheit. Wer ging schon das Risiko ein, auf dass die kleine Schwester einem Monster zum Opfer fiel? Nur schlechte Menschen – und Tanja war einer von diesen.
Neben der Angst, der Panik und dem schlechten Gewissen machte sich noch ein anderes Gefühl in ihr breit. Eins, das stärker war als alle anderen. Ihre Schwester war besser als sie, denn sie war noch fort. Eigentlich wäre es ihre Aufgabe gewesen, andere zu schützen. Sie war schließlich die Erste, die Auserwählte. Aber sie hatte auf ihn gehört, auf ihn vertraut und alles riskiert. Danach hatte sie mehr verloren, als sie gewonnen hatte. Ihre Familie war zerstört, ihre Schwester verschollen und Tanja wusste genau, wo, aber konnte niemanden hinführen. Denn wenn das Wo etwas war, das man nur von innen kannte, wie sollte man den Weg dorthin finden?
Jahrelang hatte sie damit verbracht, das Haus zu suchen, doch sie war gescheitert. Immer wieder. Jetzt war sie ein Wrack, das jeden Tag mindestens einen Schuss brauchte, sonst würde sie ihr erbärmliches Leben nicht ertragen können. Sie hätte sich umbringen können, aber dann würde sie nie herausfinden, ob ihre Schwester auch irgendwann aufgeben würde. Oder hatte sie keine Wahl, nicht so wie Tanja selbst sie gehabt hatte? Hatte er seine Strategie geändert? Hatte er mehr Gefallen an ihr gefunden? Sie hatte keine Antworten darauf, als sie den Zirkel in die rechte Hand nahm und eine freie Stelle zwischen ihren Oberschenkeln suchte. Dann ritzte sie einen etwa einen Zentimeter großen Strich und dann den zweiten. Es tat nicht weh, es war ein erleichterndes Gefühl, das Tanja spürte, und sie war stolz auf ihre Kreuze. Keinen Tag ohne Mimi hatte sie vergessen, keinen Einzigen. Sie weinte, als sie sich nach dem Ritzen des Kreuzes eine Spritze in den Oberschenkel setzte, und ließ sich erleichtert zurückfallen, um in einen rauschenden Traum zu verfallen. Es tat so gut, so unendlich gut, nicht an den Schmerz zu denken, einfach zu sein, einfach zu leben.
Ihre Augen verdrehten sich, Sabber rann ihr aus ihrem Mund, ihre Hose hing zwischen ihren Beinen, aber all das nahm sie nicht wahr. Es würde eine Weile dauern, ehe sie wieder zu sich kommen und erneut in ihren eigenen Horrorfilm katapultiert werden würde.

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